Seit 2001 findet ein Schachturnier der besonderen Art statt - es dürfen nur Schachspieler an den Start gehen, die 60 Jahre werden - jede/r hat also nur einmal in seinem Leben die Gelegenheit der Teilnahme.
Das Derby fand vom 14.-17. April 2011 im „Gasthof Heidelust“ in Wesel bei Hamburg statt. Inhaber Herbert Foth ist begeisterter Schachspieler und –freund und bot den Teilnehmern gastfreundliche Bedingungen. Veranstalter dieses Turniers ist das Referat Seniorenschach im Deutschen Schachbund. Herr Klaus Gohde (83 Jahre) hat das Derby mit Umsicht und Engagement liebevoll vorbereitet und geleitet. In warmherzigen Worten stellte er den Teilnehmern u.a. den „Förderkreis Seniorenschach im DSB“ vor.
Als ich im Spätherbst 2010 einen freundlichen Brief mit der Einladung zum 10. Deutschen Seniorenderby erhielt, bekam ich zunächst einen kleinen Schreck – vor fünf Jahren aus Verlegenheit als Übungsleiter Schach begonnen, sollte ich nun an einem Turnier der 60jährigen teilnehmen. Nach kurzem Familienrat meldete ich mich an – nicht ahnend, auf welche Herausforderung ich mich einlasse. Ein Quartier war schnell gefunden und nun harrte ich der Dinge.
Bereits im Februar war das Turnier ausgebucht und ich erhielt die Teilnehmerliste – ich hatte mit 1152 die mit Abstand kleinste DWZ und auch im Bereich bis 1500 gab es nur vereinzelte Teilnehmer. Da war mir schon etwas flau.
Der 1. Tag begann mit 04.00 Uhr Weckerklingeln und 05.00 Uhr Abfahrt. Zwischendurch immer mal einen Blick auf die Uhr – hatte mir der Turnierleiter doch mitgeteilt, dass 08.30 Uhr die Anmeldung zur 1. Runde schließt. Pünktlich 08.29 Uhr betrat ich den Gasthof, deren schachbegeisterter Wirt die Räume für unser Derby bereitstellte.
Etwas später hatte ich zu verdauen, dass ich nach 3 ½ Stunden Fahrt in der 1. Runde Freilos hatte. Nach kurzem Ärger verlieh ich mir motivationsfördernd den Titel „1. Tabellenführer“ und nutzte die Gelegenheit, um das Spiel meiner potentiellen Gegner zu studieren.
15.30 Uhr war es dann soweit – da ich als Gewinner geführt wurde, ermittelte das Programm Dr. Hans-Joachim Boschek (DWZ 1928) als meinen Gegner. Die für mich ungewohnte Eröffnung 1. c4 2. g3 erwiderte ich gelassen mit e5 und Sf6. Nach 12 Zügen lag ich materiell und positionell gut im Rennen und wollte zum Angriff übergehen. Ich bemerkte, dass mein Turm dafür ungünstig stand und der Angriff nach drei Zügen mit Bauernverlust beendet sein würde. Aus Freude aus dieser Erkenntnis zog ich 13. … Ta8-b8 – und hatte „vergessen“, die Wirkungen dieses Zuges auf meinen Angriff genau so sorgfältig zu berechnen. Trotz des verlorenen Bauer hielt ich weiter ordentlich mit bevor die Partie im 31. Zug wegen Zeitüberschreitung verloren ging.
Am nächsten Morgen war Hans-Joachim Kern (DWZ 1676) mein Gegner. Ich fing vorsichtig mit e4, Lc4 und Sf3 an. Überraschend fesselte sich mein Gegner einen Läufer, so dass ich ab 8. Zug bei guter Position einen Mehrbauern hatte. Anstatt vorsichtig weiterzuspielen, eroberte ich im 15. Zug einen 2. Bauern – darauf hätte ich besser verzichten sollen. Statt dessen wäre die Rochade angezeigt gewesen. In weit fortgeschrittener Zeit gab ich im 22. Zug in aussichtsloser Position und mit verlorenem Turm auf. Über die 4. Runde gegen Klaus Mühlnikel (DWZ 1563) ist nichts zu sagen. Nach 13 Zügen war alles vorbei.
Samstag früh spielte ich gegen Stefan Richter (DWZ 1522). Die Eröffnung überstand ich gleichwertig. Im 18. Zug hatte ich die Chance, mit einem korrekten Zug positionelle Vorteile zu erlangen. Meinen realen Zug nutzte mein Gegner systematisch bis zu seinem Sieg, den er im 30. Zug mit meiner Aufgabe realisierte.
Meine Partie in der 6. Runde gegen Roger Helbing-Becker (DWZ 1658) dauerte 56 Züge und 3 ½ Stunden. Nach hartem Kampf mit vielen schönen Kombinationen schloss ich bei materieller und positioneller Ausgeglichenheit nach 2 ½ Stunden einen Angriff ungenau ab, so dass ich den anvisierten Turm nicht erobern konnte. Schließlich konnte ich aber die Stellung nicht halten und gab nach einer weiteren Stunde auf.
Am Sonntag war Gregor Schmieja (DWZ 1267) mein Gegner. Ich entwickelte das Spiel aussichtsreich, verlor aber im 11. Zug durch Unaufmerksamkeit einen Bauern – ein ganz klarer Fehler – so ein Turnier geht eben doch vor allem für einen wenig geübten Spieler wie mich an die Substanz. Der Verlust gab mir aber einen Ruck, ich spielte korrekt und aufmerksam weiter. Eine mehrzügige Kombination schloss ich mit einem völlig durchsichtigem Bauernopfer ab, nicht ernsthaft damit rechnend, dass mein Gegner darauf eingeht. Bei Ablehnung des Opfers wäre materielle und positionelle Ausgeglichenheit erreicht, so aber gewann ich mit Grundreihenmatt – ein Sieg, der mich nicht wirklich begeisterte.
Die sieben Runden wurden erwartungsgemäß von den sechs Spielern mit DWZ > 2000 dominiert. Hans Lotzien (DWZ 2075), Hans-Jürgen Piersig (DWZ 2059) und Peter Steen (DWZ 2054) blieben ungeschlagen. Reinhard Kynast (DWZ 1509) gelang ein überraschender Sieg gegen Lothar Becker (DWZ 2044). Uwe Grimm (DWZ 2074) verlor gegen Lothar Cipra (DWZ 1898) und Karl-Heinz Lehmann (DWZ 2017) musste die Überlegenheit von Peter Schmitzer (DWZ 1934) anerkennen. Turniersieger wurde allerdings Alexander Noblé (DWZ 1944). Bei zwei Remis gewann er fünf Partien und belegte mit 6 Punkten unangefochten Platz 1 vor Hans Lotzien und Uwe Grimm (beide 5,5 Punkte).
Rolf Giese, Karl Groß, Herbert Leonhardt, Dieter Niese, Alexander Noblé, Peter Pütz und Martin Weber erhielten Sonderpreise für den höchsten DWZ-Zuwachs. Auch ich war zufrieden, wurde ich doch 53. und fuhr mit 14 DWZ-Punkten mehr nach Hause.
Die 58 Teilnehmer bedankten sich bei Herrn Gohde mit einem Präsent und wünschten den sechzigjährigen Senioren der nächsten Jahre, dass sie ein ebenso umsichtig und liebevoll vorbereitetes und organisiertes Derby erleben können.
Hier geht es zu den Fotos der Teilnehmer, die liebenswerterweise von Herrn Klaus Gohde zur Verfügung gestellt worden sind.
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